Stimme

Geboren im Klang, aus welchem Musik sich entstehen liess, im Zusammenklang zwischen Gesang, der menschlichen, der weiblichen Stimme, diesem basalen Sein und Spüren ganz und direkt aus dem Inneren des eigenen Seins heraus, unverblümt und verwundbar zugleich, Vibration des Körpers und der Seele, nicht trennbar in einem selbst, kein Spielen weit weg von einem, sondern im Schwingen sich tragend dahin-gleiten lassend, die Vokalreihen des a-e-i-o-u gedehnt in die Unendlichkeit, nur unter-brochen von den färbenden Konsonanten, die die Zeit ordnen, den Atem, den Puls. Lob Gottes und der Menschen und Gott sah, daß es gut war, was er hier erschaffen hatte und was sich auszubreiten begann in ihm auch, andrea letzingRe- klang, Re-sonare, Re-sonieren, zurück-schwingen, in diesem Hin und Her zwischen den Dingen. Das Lob, das für und über Gott, von und über Maria, Regina Coeli, den Menschen, dem Flehen, den Wünschen, dem Da Pacem Domine, dem Frieden, den der Herr geben möge, Lob, das zweimalige a, dann nach oben zum e, wieder nach unten zum o, schließlich der große Gegensatz des i und das aushauchen auf dem e. Und immer dazwischen ein Vokal, außer beim Übergang von Pacem zu Domine, was auch zusein hat, den Herrn nicht in den Fluß zu nehmen, sondern seine Größe abzuheben, auch wenn es das weiche D ist, welchem das tiefe o folgt. Gregorianik versteht man heute, auch wenn man wahrscheinlich nicht wirklich weiß, wer dieser Stellvertreter in Rom damals gewesen sein mag, der von den Einsiedeln, den St.Gallenern, den Monseratschen, den großen Klöstern der weiteren Umgebung das Zeichen verlangte. Laßt uns sehen, was wir hören, daß wir es verstehen. War das gut so?, notwendig?, wäre man nicht lieber im Klang geblieben?, hätte man kein Zeichen gesucht? Müßig die Frage, das Zeichensetzen kann, die Zeichen können auch bedeutungsvolle, wichtige Momente im Leben ausmachen - und Entwicklung kann nicht aufgehalten werden, nur umgehen lernen sollte man damit. Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden, schrieb der Dürrenmatt in den Physikern. Frauen waren damals, denkt man, nicht für den Choral zuständig. Denkt man im nachwievor vom Mann geprägten Zeitalter. Und was sangen Hildegard von Bingen, Catarina von Siena, Teresa von Avila? Und was schrieb Hildegard auf? Und wie? Jedwede sogenannte reine Instrumentalmusik ist immer eine Imitation der menschlichen Stimme, versucht sich in die Nähe zu schmuggeln, sich einzuschmeicheln, um ihr nahe sein zu können. Ganz aus sich heraus zu tönen ist die umfassendste Möglichkeit des Menschen wenn er mit sich selbst umgeht, sich selbst in den Platz auf diesem Planeten bringt, was lange genug gedauert hatte. So, im aus sich heraustönen hört sich das Menschsein an sich an, in einem sich ununterbrochen wiederholenden Wechsel von Schweben und Verstehen, von körperlichem, unkonkreten Schwingen und geistbetontem Wissenwollen um die Dinge, so wie der Europäer dies nun einmal benötigt.

     

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