Stein

Mythos I:

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tt schläft in den Steinen, atmet in den Pflanzen, träumt in den Tieren und erwacht im Menschen.
Die Beziehung der Menschen zum Stein ist geprägt von der Ewigkeit, dem Beständigen, dem Festen, dem Harten und dem Unbezwingbaren. Der Stein ist die Verbindung zu etwas ganz Altem, zu etwas Archaischem, zu den Urphänomenen. Er begleitet uns durch unser Leben, wir sammeln ihn, spüren seine Kraft, wenn wir ihn in den Händen halten, fühlen uns geschmeichelt von ihm. Öffnet man den Stein und poliert ihn, schaut man ins Innere, in den Bauch des Steins, eröffnet er einem seine Schönheit. Hier kann man in der Geschichte der Welt lesen lernen und sich vorstellen, wie die Entstehung war. Spüren aber wird man dies erst, wenn der Stein schwingt und tönt.

Mythos II:

"Aller Töne Anfang liegt am Herzen des Menschen Der Menschen Herzen bewegen die Dinge von außen, So entsteht das Gefühl, das sich in Klänge formt, Die sich wandeln wie dieses. Töne nennt man die Ordnung der Klänge. Erklingen diese, abgestimmt aufeinander, Dazu des Tanzes Bewegung Mit Speer und Schild, mit Flöte und Federn, Dann nennt man dies alles Musik.“

Die Materie und der Geist sind in China gleichbedeutend. Materie kann denken, hörbar wird dies im Klang. Im Abendland ist uns dieses Denken nicht vertraut. Für uns ist der Stein tote Materie. Die Vorstellung, daß Steine eine Art Gedächtnis der Erde sind, ordnen wir der Geowissenschaft zu, die dieses Gedächtnis in den Steinen lesen kann. klaus fessmann
Die Vorstellung, daß Steine dieses Gedächtnis in ihrem Inneren, in ihrem Bauch durch ihre Formen, Bilder und Strukturen zeigen können, ihr Wissen durch den Klang in der Sprache der Musik mitteilen, verweist die Wissenschaft wiederum in das Reich der Spekulation. Die Künstler jedoch, die Musiker sind überzeugt davon, daß Klänge umfangreiche Informationen sind und diese vermitteln.
Der Augenblick, wenn im Stein zum ersten Mal nach Jahrmillionen durch die Berührung der Hände, durch das Ertasten und Spüren der verschiedenen Oberflächen des Ballens, der Brücke und der Finger ein erstes Tönen im Stein hörbar wird, ist immer wieder ein überwältigendes Erlebnis. Nach Millionen von Jahren - 4,6 Milliarden Jahre alt ist diese Erde schon - einen in dieser Materie eingeschlossenen Klang zu ent-hüllen, er-tönen zu lassen ist ein unglaubliches Privileg. In den Händen die Vibrationen zu spüren, in den Ohren, dem ganzen Körper den Klang zu fühlen, vor sich den Stein in seinen Farben und Strukturen zu sehen.
Sind die Zeichen Formen von Noten? Die Inder verstehen es so. Die Welt wird als Ton und in den Klangspektren betrachtet. Wenn jedes Ding als Ton, als Klang, als Musik wiedergegeben werden kann, dann sind die Zeichen der Steine die groben Buch-Staben, die Kali. Es gilt sie lesen zu lernen in einer engen Verbindung von Hören und Sehen. Das Hören kann Erkenntnisse ganz anderer Art vermitteln. Es Ist erkenntnisfähig? Die Ergebnisse sind darstellbar, lesbar.
Die Klänge sind geprägt von größter Homogenität, von harmonischer Vielfalt, von spektraler Klarheit und von außerordentlicher Größe. Der Stein ist das Instrument mit der höchsten Komplexität der Klanglichkeit. Es ist die Materie, die sich immer bewegt, in ihrer Art aus dem Zentrum der Erde kommt, schmilzt, neu entsteht und einem immer- währenden Wandel ausgesetzt ist. Die Töne, die Klänge, die Klangkomplexe und - spektren, kurz die Vielfältigkeit der Klanglichkeit geben andere und weitere Auskünfte über den Stein, sie zeigen im täglichen klanglichen Wachsen eine neuartige Form des musikalischen Denkens. Ein musikalisch Gedachtes entsteht, welches nicht mehr einfach in Melodie mit Begleitung, Tonhöhe, Klangfarbe und Struktur einteilbar ist. Hier muß man neu hören lernen.
Was ist nun dieser Klang der Steine? Er ist eine bislang ungehörte Musik. Sie ist so etwas wie eine Musik der Erde, als das in Klang geformte Gedächtnis dieser Materie, ohne Spekulation oder Verklärung. Sie wird oft als Musik voller Geheimnisse bezeichnet. Dies trifft besonders für den Hörer zu, der sich im erstaunenden Spüren öffnet.
Diese Musik ist schwerelos, jenseits der Zeit, hat ihre eigene Kraft und Wirkung und ist keiner Kultur zugehörig. Sie ist so etwas wie die Freiheit an sich. In einer Zeitung war nach einem Konzert von den musikalischen Erzählungen längst vergangener Zeiten zu lesen, der Leichtigkeit der schweren Klangerzeuger im Tönen, dem Verlust jeglicher Starrheit, den Pulsationen im Raum. Und immer ist es auch die Schönheit, die Liebe zum Klang und zum Stein, zur Intensität des Lebens.
Im Vorgang des Tönens, im Klang und in der Musik die höchste Form von Kooperation vorhanden, sie ist der radikale Gegenpol zum Konkurrenz-Verhalten. Im Tönen zu sprechen, im Klingen miteinander umzugehen ermöglicht mir die Sinn-erfüllteste Form des pulsierenden Lebens. KlangSteinSpielen steigert dies ins beinahe Unermessliche. Es ist noch weit mehr als alles bisher Erlebte, es ist neben der Musik als höchster Form humanen Empfindens auch die tägliche Klangübung zur Vermeidung von Macht, deren Ausübung und deren Missbrauch.

o. Univ. Magister Professor Klaus Fessmann

     

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